
Kasamori: Triple O – Schmuck, ganz aus Faden gemacht
„So leicht!“ Das war unsere erste Reaktion, als wir eine Halskette von 000 (Triple O) in der Hand hielten. Ganz aus Faden gefertigt, wiegt sie gerade einmal zwei Gramm. Perlenähnliche Kügelchen reihen sich aneinander, und sobald sie sich bewegt, scheinen die Farben und Metallfäden von innen heraus zu leuchten.

Triple O wird von Kasamori gefertigt, einem 1877 gegründeten Stickereiunternehmen in Kiryu in der Präfektur Gunma – einer Stadt, die seit Langem für ihre Textilien bekannt ist. Warum beginnt ein über 140 Jahre altes Web- und Stickereiunternehmen, Accessoires aus Faden herzustellen, und was steckt in jeder einzelnen winzigen Perle? Wir haben die Manufaktur besucht und mit Herrn Arai aus dem Vertrieb gesprochen. Die Geschichte, so stellte sich heraus, steckte voller Überraschungen.
Eine Zufallsbegegnung am Tiefpunkt
Kasamori begann als Weberei für Obi-Gürtel, wandte sich dann der Stickerei zu und arbeitete für zahllose Modemarken. Als in den 1990er-Jahren die Bekleidungsproduktion ins Ausland abwanderte, brach das Stickereigeschäft ein. Eine Fabrik im Ausland musste geschlossen werden, und das Unternehmen blieb auf Schulden sitzen. „Wir mussten Arbeit schaffen, die nur in Japan möglich ist.“

Etwa zu dieser Zeit kam der Textildesigner Yoichi Katakura, der seine Entwürfe über eine Agentur in London verkaufte, nach Kiryu – angezogen vom Netzwerk kleiner, spezialisierter Werkstätten: Garnhersteller, Zwirner, Färber. Ein aus Kiryu stammender Textildesigner sagte ihm: „Was Sie vorhaben, könnte Kasamori wahrscheinlich umsetzen.“ Bei Kasamori entdeckte Herr Katakura eine seltene Maschine, eine von nur wenigen in Japan, die gleichzeitig per Laser schneiden und sticken konnte. Er spürte, dass sich damit etwas völlig Neues schaffen ließ, und trat in das Unternehmen ein. Das Ergebnis war KASAMORI LACE: gestickte Teile, die an Modemarken im Ausland geliefert und dort auf Kleidungsstücke genäht wurden.

Nur die Halsketten verkauften sich
Aus KASAMORI LACE wurde die eigene Marke des Unternehmens: 000. Anfangs war es eine Lifestyle-Marke, die auch Taschen und Küchenmatten herstellte. Der Wendepunkt kam bei einer Veranstaltung in einem traditionsreichen Kaufhaus. „Wir hatten alles Mögliche mitgebracht, und nur das hier hat sich verkauft“, erzählt Herr Arai lachend. Niemand interessierte sich für Taschen oder Matten, doch rund 100 gestickte Halsketten fanden Käufer. Dieser Erfolg gab dem ganzen Unternehmen Selbstvertrauen, und Triple O wurde zur Accessoire-Marke.

Zwei Jahre für eine einzige Perle
„Könnten wir allein aus Faden eine dreidimensionale Perle machen, wie eine echte Perle?“ Kleine Punkte auf Stoff zu sticken war möglich, doch niemand hatte je eine freistehende Perle nur aus Faden geschaffen. „Anfangs ist alles misslungen.“ Tagsüber liefen die Maschinen für Aufträge von Modemarken; nachts nutzte das Team die freien Stunden für einen Versuch nach dem anderen. Nach etwa zwei Jahren war die Perlenkette ganz aus Faden endlich fertig.

Auf einer Fachmesse fielen die Ketten Nakagawa Masashichi Shoten auf, einem bekannten japanischen Händler für Kunsthandwerk, der sie ins Sortiment aufnahm. Rückmeldungen zu Farben und Formen flossen direkt in neue Produkte ein, und die Bestellungen nahmen langsam zu.
Die Kundinnen entdeckten den wahren Wert
Das Team wollte zeigen, wie außergewöhnlich die Sticktechnik ist. Doch die Kundinnen und Kunden sagten etwas anderes: „Sie sind so leicht, ich bekomme keine verspannten Schultern.“ „Ich habe eine Metallallergie und kann sie trotzdem tragen.“ „Wir hätten nie gedacht, dass gerade die Leichtigkeit und das fast fehlende Metall so geschätzt werden“, sagt Herr Arai. Das Team machte die Ketten daraufhin noch leichter und verfeinerte die Verschlüsse.

Um 2015 wollte Nakagawa Masashichi Shoten sie dann plötzlich in allen Filialen führen. „Wir haben sie doch nur eine Stunde pro Nacht hergestellt!“ Der große Auftrag veränderte die Denkweise im Unternehmen: Man stellte Personal ein und baute eine richtige Produktion auf.
Das Brillenband, das niemand geplant hatte
Immer wieder fragten Kundinnen und Kunden nach einem Brillenband. Als Modemarke zögerte das Team zunächst, doch die Anfragen rissen nicht ab, also probierte man es mit drei Farben. „Genau darauf haben wir gewartet!“, lautete die Antwort, und auf Messen häuften sich die Anfragen. „Wir hatten Glück“, sagt Herr Arai. „Es hat uns gelehrt, unseren Kundinnen und Kunden wirklich zuzuhören.“

So entsteht ein Accessoire aus Faden
- Eine wasserlösliche Unterlage. Gestickt wird auf ein spezielles Vlies, das sich in Wasser auflöst, sodass nur der Faden übrig bleibt. Da das Vlies empfindlich auf Luftfeuchtigkeit reagiert, werden Fadenspannung und Maschineneinstellungen täglich an die Bedingungen angepasst.
- Der Rahmen bewegt sich, nicht die Nadel. Die Nadel bleibt an Ort und Stelle, während der Rahmen mit dem Vlies sich nach Programm bewegt und Kreise und Bögen zeichnet, bis der Faden langsam Form annimmt.
- 20.000 Stiche pro Halskette. Jeder Stich ist programmiert. Am schwierigsten ist es für die Bedienerinnen und Bediener, die Spannung von Ober- und Unterfaden auszubalancieren; das kleinste Ungleichgewicht ruiniert die Form.
- Bewusst langsam. Die Maschinen schaffen 1.000 Stiche pro Minute, laufen aber mit etwa 500, weil die Perlen bei höherem Tempo ihre Form verlieren. Reißt ein Faden, sucht die Handwerkerin oder der Handwerker genau die Stelle und setzt einige Stiche zurück, um weiterzumachen.
- Von Hand vollendet. Nachdem das Vlies aufgelöst ist, wird jede der rund 80 Perlen einer Halskette mit bloßem Auge geprüft, und lose Fadenenden werden nach innen gesteckt, bevor man sie abschneidet, damit nichts ausfranst.
- Mit Dampf in Form gebracht. Jedes Stück wird sanft gedämpft und gerade gezogen. Zu Hause genügt etwas Dampf oder ein Sprühstoß Wasser und anschließendes Aufhängen zum Trocknen, um Knicke zu entfernen.
- Verschlüsse, Verpackung und Kontrolle. Manche Verschlussringe unterscheiden sich nur um 0,1 mm. Jedes Stück wird in gleicher Ausrichtung verpackt, auf lose Fäden geprüft und durch einen Nadeldetektor geschickt.



„Ich wollte die Produkte dieser Marke herstellen“
Uns überraschte, wie viele junge Handwerkerinnen und Handwerker in der Manufaktur arbeiten. Eine 18-Jährige, die für die Fadenspannung bei Ohrringen aus Goldfaden zuständig ist, entdeckte Triple O während ihrer Textilausbildung. „Ich dachte: Diese Firma macht etwas wirklich Ungewöhnliches.“ Immer mehr junge Menschen bewerben sich heute, weil sie Triple O-Produkte herstellen möchten.

Kiryu – ein weiterer Glücksfall
Tief in der Manufaktur steht eine Regalwand mit mehr als 600 Garnfarben, manche davon exklusiv für Triple O hergestellt. Ein Metallfaden etwa hat einen glitzernden Kern, der mit einem weiteren Faden umwickelt ist, weil nichts auf dem Markt den richtigen Look bot. „In Kiryu gibt es Garnhersteller, Zwirner und Färber, also können wir Garne gemeinsam entwickeln. Ein so ungewöhnliches Garn würde anderswo vielleicht abgelehnt, aber hier sagen die Leute: ‚Klingt spannend, probieren wir es.‘ Diese Marke könnte es nirgendwo anders als in Kiryu geben.“

Einmal im Jahr öffnet Kasamori zudem seine Manufaktur für die Öffentlichkeit und fertigt Accessoires aus Seide, die in Gunma erzeugt wird. „Wenn niemand Gunma-Seide verwendet, verschwindet diese Kultur. Wir hoffen, dass unsere Produkte die Menschen neugierig auf Kiryu und auf Seide machen.“
Ein Name, der Tradition weiterträgt
In der Manufaktur hängt ein großer Wandteppich, der zum 140-jährigen Firmenjubiläum entstand – alle verbindenden Fäden wurden bewusst stehen gelassen. Der Name 000 hat eine ähnliche Bedeutung. „Als wir die Marke gründeten, war das Unternehmen etwa 130 Jahre alt. Wir wollten diese Geschichte auf null setzen, aber die Stellen behalten: die Tradition weitertragen und zugleich neu anfangen.“ Bemerkenswerterweise gab es Name und Logo vor den Perlen. Drei Kreise – und später eine Perle, die perfekt dazu passte.


Glück, das man sich mit Leidenschaft verdient
„Ich weiß nicht, wie wir hierhergekommen sind. Es hat sich einfach ergeben. Wir hatten Glück“, sagte uns Herr Arai mehr als einmal. Vielleicht. Doch es ist ein Glück, das man sich verdient, indem man jede Herausforderung direkt angeht – verdient von einem Unternehmen mit über einem Jahrhundert Geschichte, das sich immer wieder gewandelt und Neues gewagt hat. Und was kommt als Nächstes? „Wir möchten weiterhin einen Wert bieten, den nur Triple O bieten kann, und Stickerei vielleicht auf neue Weise vermitteln, etwa mit Produkten für Kinder. Man weiß nie, was ankommt, aber wir probieren weiter, was wir spannend finden.“

Leicht und wunderschön – vielleicht bringt ein Accessoire von Triple O auch in Ihren Alltag ein wenig unerwartete Freude. Unser Dank gilt Herrn Arai und allen bei Kasamori.



